Donnerstag, 30. Oktober 2008
Mittwoch, 29. Oktober 2008
Platzdeckchen auf der Hutablage
Hey, versuchst du mit mir zu ficken? Denn lass dir gesagt sein: Egal ob dein Versuch mich zu ficken erfolgreich sein wird oder nicht, kannst du davon ausgehen, dass ich zurück komme um dich zurück zu ficken. Gökhan lacht schamlos und nickt mit seinem Kopf während er mit übertrieben lässiger Armbewegung das Auto in routinierter Sanftheit um eine Kurve lenkt. Schon wieder diese möchtegern- Kleingängsterdialoge. Als wäre es eine attraktive Vorstellung, in einer Welt zu leben, in der die Gesprächskultur von Schwarzweißkopien, farbiger Abziehbilder von Filmcharakteren des Gangstermovie Genres bestimmt wird. Aber jetzt, wird natürlich von mir ein cooler Spruch erwartet. Sowas wie: "Scheiße, Alter, Wie geil!" Tatsächlich sage ich wahrheitsgemäß: Sorry, was hast du gesagt? Ich hab dir gerade gar nicht zugehört. Gähn! Ich kann einfach nicht lügen. Besonders nicht wenn ich dieses juckende Schließmuskelgefühl habe, das sich immer dann meldet, wenn ich mich auf Konfrontationskurs befinde. Gökhan lacht. Er hält mich ja auch für einen verdrehten Vogel. Der darf das. Gökhans Gehirn, funktioniert anders als das der beiden angeheuerten Schläger, die gleich auf den Sitzen im Fond Platz nehmen werden. Er versteht Untertöne und kennt die Wahrheit über die Rollen, die die Menschen einander vorspielen. Deshalb ist er für mich ein Freund und für die Schläger der Chef. Willst du auch eine? frage ich mit Zigarette im Mund während meine Augen und Hände nach der verdächtigen Feuerzeugbeule meine Kleidung absuchen. Will ich was? erwiedert Gökhan und wendet mir seinen Kopf zu. In diesem Moment erhellt das Licht einer Straßen Laterne mein Gesicht . Ich weiß, dass mir eine Zigarette aus dem Mund hängt, aber er starrt mich an als wäre es eine Gottesanbeterin oder Stabheuschrecke. Hier wird nicht geraucht! Ist das Auto von meinen Eltern! Natürlich ist es das. Wie sollte er sich denn auch einen Mercedes 500 SL leisten können. Komisch nur, dass sein Vater anscheinend gleichzeitig auf verchromte 21 Zoll Felgen und spitzenbesetzte Platzdeckchen auf der Hutablage steht. Egal. Letztens kam er mit dem 7er BMW seines Onkels zu mir nach Hause. Ich stecke seuftzend die Zigarette wieder in die Packung und stelle fest, dass ich das Feuerzeug vorhin in die Packung gesteckt habe um das Feuer griffbereit mit den Zigaretten zusammen zu haben. Darf ich wenigstens das Radio anmachen? -Klar, hab ich nichts gegen. Ich stelle das Navi auf Radio um und bekomme als erstes The Sound of silence rein. Absolut nicht das was ich brauche. Ich bin sowieso schon nervös genug und Simon und Garfunkel finde ich zwar super, aber im Moment singen die Jungs etwas zu eindringlich für mein Gemüt. Der nächste Sender spielt klassische Musik. Claire de Lune. Die Sitzheitzung wärmt meinen Rücken und ich lasse mich entspannt in die weißen Ledersitze sinken während die zweitausend Euro Anlage im Wageninnenraum glaubhaft, den Klangkörper eines ganzen Konzertsaales imitiert. Wie geht es deiner Schwester? -Och, ganz gut. Die heiratet in zwei Monaten. -Wow, herzlichen Glückwunsch, sage ich in einem anerkennenden Tonfall. Semra hatte ich während eines Abendessens bei Gökhans Eltern kennengelernt. Seine Mutter ist eine sagenhafte Köchin und hatte an dem Abend richtig dick aufgefahren. Semra war schnell wie ein Reh von der Küche zum Esszimmer und zurück gehuscht, um immer wieder neue Köstlichkeiten auf den Tisch zu stellen. Irgendwann beim Dessert legte sie dann das Kopftuch ab, was mich einen Moment verunsicherte, weil das in meiner Vorstellung bedeutet, das ich von dieser Familie nicht als in-Frage-kommender- Mann angesehen wurde. Neutrum-ich. Ich armes kleines Neutrum. Na dann passt mal auf was ich eurer Tochter gleich für feurig, tiefe Blicke in ihre schönen Augen werfe. Später dann, als mich Gökhan mit dem Mercedes seines Bruders vor meiner Haustür absetzte und wir noch im geparkten Auto einen Joint rauchten, erwähnte er ganz beiläufig, was mit jemandem geschehen würde, der seine Schwester anbaggert. ...und schneid ihm die Eier ab, die ich dann seiner Mutter mit der Post schicke um ihr zu beweisen das ihr Sohn jetzt praktisch ihre Tochter ist. Die Nutte! Ich fühlte mich schuldig! Nicht weil er mich bei unzüchtigen Gedanken über seine Schwester erwischt hatte, sonder weil ich ihm komischerweise diese absurd, comichafte Gewalttat wirklich zutraute. Ist es schon rassistisch wenn man Drohungen, die von Mitbürgern mit Migrantenhintergrund ausgestoßen werden, instinktiv als authentischer emfindet, als solche von "Justin" und "Dominik"? Naja, auf jeden Fall sind meine Erfahrungen mit echter Gewalt sehr beschränkt, deswegen war ich extrem verwirrt, ja schockiert, als ich vorgestern zum ersten mal in meinem Leben niedergeschlagen wurde. Zuerst, die Wohnungstür, gegen die Jackson so heftig trat, daß sie mir beim Öffnen voll gegen den Kopf donnerte und dann der Schlag auf das linke Ohr, der mich vor Schmerz in die Knie sinken ließ. Jacksons Gesicht ganz nah vor meinem als er mich am T-Shirtkragen packt und hochzieht. Seine Augen sind kristallklar und die Pupillen vom Adrenalin geweitet. Wo hast du das Geld, Wichser? Kopfnuss. Schwere Körperveletzung. Ich werde von ihm über den Dielenboden der Studenten-WG in mein Zimmer geschleift, wo meine Menschenwürde weiter mit Füßen malträtiert wird.
-Ende 1. Teil-
